Der Flachs - Pflanze der Woche vom 14. bis 21. Juli im Deutschen Pavillon


2003




Im düsteren Auge kein Träne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne... Heinrich Heine schrieb die "Schlesischen Weber" nach dem Aufstand der Peterswaldauer Weber im Jahre 1844. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Flachs mit einem Anteil von ca. 18 % in Europa die wichtigste Pflanzenfaser und neben Wolle der wichtigste textile Rohstoff. Nach seiner Blütezeit in Deutschland war der Niedergang der Flachsindustrie im 19. Jahrhundert nicht mehr aufzuhalten. Die Baumwolle verdrängte den Rohstoff, der zur Herstellung des berühmten Leinen diente.

Die alte Kulturpflanze stammt aus Vorderasien. Bei Ausgrabungen in Mesopotamien wurden Samenkörner gefunden, die vor sieben- bis neuntausend Jahren kultiviert wurden. Zwei Bestandteile der Pflanze ließen sich schon in den frühesten menschlichen Kulturen nutzbringend verwerten: der faserreiche Stängel zur Herstellung von Gespinnsten und die ölreichen Samen als Nahrungs- und Futtermittel und Lieferanten des Leinöls. In der Lausitz/Niederschlesien werden im Sommer die Pellkartoffeln noch heute mit Quark und Leinöl gegessen.
Ab 1957 erscheint Flachs nicht mehr in den offiziellen Statistiken der Bundesrepublik. In der DDR wurde die Faserpflanze zwar noch bis 1974 angebaut, dann jedoch waren die Verarbeitungsmaschinen aus Vorkriegszeiten zu alt.
Und nun: Quo Vadis, Flachs, Linnen, Leinen, Lineum? Bedeutende Flachsproduzenten in Europa sind Belgien, Frankreich und die Niederlande mit einer Anbaufläche von rund 80.000 Hektar. Die weltweit größten Produzenten sind China, Rumänien und Russland. Die Anbaufläche in Deutschland liegt heute unter 500 ha pro Jahr. Der Anbauschwerpunkt Deutschlands liegt in Brandenburg, hier lagen und liegen zwei Drittel der Anbauflächen. Seit 1997 ist der Anbau hierzulande allerdings drastisch zurückgegangen, was mit dem Verarbeitungsnachweis und den Schwierigkeiten der Weiterverarbeitung zusammenhängen dürfte. Dabei sind die Einsatzmöglichkeiten sehr vielfältig. Der lateinische Name Lineum usitatissimum bedeutet nicht umsonst "der für den Gebrauch am besten geeignete".
Es gibt heute 200 verschiedene Arten von Flachs, zwei davon sind auf der IGA in den Außenanlagen des Deutschen Pavillons auf knapp 100 m2 zu sehen. Im Pavillon mit dem Namen "Biovision - Zukunft mit Pflanzen" wird neben einer Vielzahl von nachwachsenden Rohstoffen, auch der Flachs und Flachsprodukte vorgestellt. Beispielsweise fertigt man Faservliese, die in eine Kunststoffmatrix eingegossen werden. Aus solchen Faserverbundwerkstoffen lassen sich Formteile herstellen wie Türverkleidungen oder Hutablagen für PKWs. Man setzt auch Flachsfasern als Asbestersatz in Brems- und Kupplungsbelägen ein. Weitere Anwendungsbereiche sind Isolier- und Dämmmaterialien oder verrottbare Pflanzenzuchtbecher und Blumenbindegarne. Für die industriellen Anwender ist die schwankende Faserqualität jedoch noch immer ein Problem. Der Preisdruck durch Baumwoll- und Chemiefasern ist weiterhin sehr groß, so dass Flachsfasern bisher nur ein kleines Marktsegment halten können.

Die Ausstellung über nachwachsende Rohstoffe im Deutschen Pavillon wird den Einsatz des Flachses und anderer Produkte nicht drastisch nach oben korrigieren, aber den Geist der Besucher zumindest anregen. Jedenfalls arbeiten wir daran. Oder um noch einmal Heines Verse aufzugreifen: Wir weben, wir weben!

Kai Gildhorn
Deutscher Pavillon auf der IGA
0381 -121 88 11




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