Der Deutsche Pavillon = zweieinhalb Minuten Waldwachstum
und ein Tag Rostocker Autoverkehr

2003


Wenn die Welt so einfach in Formeln zu pressen wäre, würden Probleme schnell gelöst werden. Aber diese Vereinfachung bietet einmal eine alternative Art und Weise, sich diesem innovativen Bau im Herzen der Nationengärten auf der IGA 2003 zu nähern.

Die Hügelschnitte des Deutschen Pavillons bestehen aus massivem Brettsperrholz. Holz besteht zur Hälfte aus Kohlenstoff, der von den Bäumen aus dem Kohlendioxid der Luft „herausgeatmet“ und in den Stamm eingebaut wird. Im Pavillon sind 140 t Holz verbaut. Das ist etwa so viel, wie insgesamt in allen deutschen Wäldern in zweieinhalb Minuten zuwächst. An einem Tag wachsen hierzulande also nahezu 600 Deutsche Pavillons nach! Das Bauwerk hat zu „Lebzeiten“ entsprechend 260 t Kohlendioxid aus der Luft gefiltert. Das ist wiederum fast soviel, wie in Rostock täglich durch den Autoverkehr in die Atmosphäre emittiert wird. Der Energiegehalt ist so hoch, dass mit dem Holz zwei Dutzend Einfamilienhäuser für ein Jahr beheizt werden könnten. Besucher, die den Bau etwas zu nüchtern empfinden, mögen bitte schmunzelnd an Herders Worte denken:„...wahre Tugenden glänzen nicht, sondern wärmen...“.

Unsere Wälder tragen also zu einem prima Klima bei, liefern hervorragende Baustoffe und sind ein nachwachsendes Energiedepot. Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Der Wald im Themengarten der heimischen Hölzer im Pavillon steht Kopf, damit der Besucher einmal eine andere Sichtweise bekommt. In Deutschland werden zur Zeit nur zwei Drittel des jährlichen Holzzuwachses genutzt. Eine verstärkte Nachfrage nach heimischem Holz schadet dem deutschen Wald also nicht, im Gegenteil.

Im Gegensatz zu den achtziger Jahren herrscht heute wieder ein aktiveres Verhältnis zur Natur und zur Landschaft. Die Natur wird nicht mehr nur als statisches und verletzliches Museum betrachtet. Wir sollten vielmehr nach Wegen suchen, die natürlichen Ressourcen innerhalb ihrer Regenerationsfähigkeit zu nutzen und uns in ihren Rhythmus einklinken. Denken in Kreisläufen, nicht in der Dimension einer Einbahnstraße – das ist nachhaltige Entwicklung.

Der heute aus aller Munde zu hörende Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt ursprünglich auch aus der Forstwirtschaft. Ihm liegt zugrunde, dass nur soviel Holz eingeschlagen werden darf, wie auch in vertretbaren Zeiträumen nachwachsen kann. In Laufe der Zeit dehnte sich der Nachhaltigkeitsbegriff jedoch immer weiter aus. Er bezieht sich heute nicht mehr nur auf die Holzproduktion und den Wald, sondern schließt Luft, Wasser, Boden und die Arten- und Lebensraumvielfalt mit ein. Damit wird sowohl die Überlebensfähigkeit der natürlichen Lebensräume gesichert, als auch eine ökonomische und soziale Generationengerechtigkeit an unseren natürlichen Ressourcen gewährleistet.

Besonders unterhaltsam ist derweil die Feststellung, dass „nachhalten“ und „vorhalten“ das selbe bedeutet. Ein Unternehmen hält eine Ressource vor, um im Bedarfsfall schnell auf sie zugreifen zu können. In der Natur halten bzw. bauen wir Ressourcen nach, um in Zukunft auf sie zugreifen zu können. Es ist nur eine Frage des Vorher oder des Nachher, also der Zeit. Von der Zeit sollten wir nicht zuviel verstreichen lassen, bis wir uns entschließen, in allen Lebensbereichen vorausschauend und nachhaltig zu agieren.

Termine Forst und Wald

  • 03.09.- 05.09. Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft Vortrag „ Die Rosskastanienminiermotte“
  • 08.09. – 09.09. Vorträge des „Kuratoriums alter und liebenswerter Bäume“
  • Bundesforschungsanstalt Forst- und Holzwirtschaft mit Vorträgen vom 15.09. – 21.09.2003
Fotos: © GROSS

Kai Gildhorn
Deutscher Pavillon
0381 – 121 88 11
k.gildhorn@fnr.de



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