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Pro und Kontra zu Windparks vor der Küste Mecklenbug-Vorpommerns -
Expertendiskussion mit neuen Erkenntnissen beim 10. Stammtisch Maritimer Tourismus in Warnemünde

Bürger verlangen klare Aussagen zum Bau von Offshore-Windkraftanlagen
Fotos vom 10. Stammtisch Maritimer Tourismus in Warnemünde

Rund 100 interessierte Gäste fanden den Weg auf das MS "Warnemünde", einem kleineren Schwesterschiff des MS "Fürst Borwin". Das eigentliche Schiff des 10. Stammtisches Maritimer Tourismus musste kurzfristig einen planmäßigen Werfttermin in Gehlsdorf wahrnehmen. Aber auch an Bord des MS "Warnemünde" fühlten sich die Gäste und Referenten wohl, so dass die gesamte Veranstaltung zum Thema "Offshore-Windkraftanlagen - Konflikt vor unserer Küste?!" planmäßig ablaufen konnte. Der energiepolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion von Schleswig-Holstein, Dr. Trutz Graf Kerssenbrock, musste leider einen Mandanten in Lübeck vertreten und konnte so nicht persönlich erscheinen. Einen kleinen Teil seines Parts übernahm der Initiator und Moderator dieser maritimen Gesprächsrunden, der Warnemünder CDU Landtagsabgeordnete Reinhardt Thomas. Für den Geschäftsführer der Windprojekt GmbH Börgerende, Carlo Schmidt, sprang kurzfristig Andree Iffländer ein, der sich als Projektleiter der gleichen Firma im Laufe des Abends als kompetenter Ansprechpartner erwies.

Als Offshore-Befürworter und Entwickler des Windparks Baltic I vor dem Darß, erhielt er nach einer kurzen Einführung durch Reinhardt Thomas als erster Referent das Wort. In einem durch Lichtbilder unterstützten Vortrag wurden den Gästen Zahlen, Fakten und Absichten rund um den innerhalb der 12 Seemeilenzone geplanten Offshore-Windpark, der als Pilotvorhaben mit 21 Anlagen eher klein ausfällt, erläutert. Mit der Visionalisierung des
geplanten Windparks von verschiedenen Betrachter-Standpunkten aus, sollten Ängste von einer sogenannten "Verspargelung" genommen werden. Das gelang nur teilweise, da andere diese Anlagen betreffende Aussagen, wissenschaftliche Annahmen waren, die sich nicht mit Daten existierender
Offshore-Windkraftanlagen untermauern ließen. Offen blieben Aussagen zu den befürchteten negativen Auswirkungen auf Vogelflugverhalten, Fischfang, Laichgebiete, Wasseraustausch und, und, und. Aber das Fehlen dieser Daten spricht auch für ein Pilotprojekt, um die notwendigen Erfahrungen zu sammeln und gegebenenfalls notwendige technische Veränderungen an diesen Anlagen vornehmen zu können. Auch wirtschaftliche Argumente sprechen auf der
einen Seite für den Bau von Offshore-Windkraftanlagen. So würden mehrere hundert Arbeitsplätze entstehen und sich entsprechende Industrie und Dienstleister in Rostock ansiedeln. "Für den Bau von zehn Windkraftanlagen benötige man genauso viel Stahl wie für ein modernes Containerschiff. Ein sich in Rostock niederlassender Röhrenbauer ist in der Lage, künftig Stahlröhren von 80 Meter Länge mit einem Durchmesser von bis zu 5 Metern herzustellen", unterstrich der Mann aus Börgerende.

Voraussetzung auch für die Offshoreanlagen, die eine Narbenhöhe von über 100 Meter über Wasserlinie erreichen werden. Auch werden Arbeitsplätze im Strombereich sicherer bzw. neu geschaffen. Die erzeugte Energie soll über eine rund 130 Kilometer lange Kabeltrasse durch die Ostsee über Markgrafenheide nach Bentwisch ins dortige Umspannwerk geleitet werden. Von dort soll dann der, im Vergleich zu herkömmlichen Energiequellen, bis zu sechsmal teurere, Windstrom vermarktet werden. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg, zumal noch Gutachten erstellt, Genehmigungen erteilt, und anspruchsvolle technische Lösungen gefunden werden müssen.

Als zweiter Referent des Abends konnte der Schifffahrtsexperte Carsten S. Wibel aus Bremerhaven seine Bedenken äußern. Was er von wenig durchschaubaren Statistiken hält, offeriert er dem wachsamen Publikum gleich zum Anfang seiner Ausführungen an einem anschaulichen Beispiel: "Es mag schon sein, dass der eine oder andere eine Durchschnittstemperatur von 40 Grad angenehm empfindet, er aber möchte nicht derjenige sein, der mit den Füßen im Eiswasser und dem Hintern auf einer heißen Herdplatte sitzt." Neben nicht nachvollziehbaren Statistiken sieht der Profi aber weitaus größere Gefahren, die von Offshoreanlagen ausgehen können. Jede neue Anlage in See ist auch ein neues Schifffahrtshindernis. Wie mit solchen Hindernissen international umgegangen wird, erläutert er am Beispiel des gesunkenen Autotransporters im Ärmelkanal. Das Schiff, dass auf der Seite auf Grund und nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche lag, mit Tonnen deutlich als Schiffshindernis und Sperrgebiet gekennzeichnet, wurde in kurzer Zeit drei mal von Seeschiffen
gerammt. Mangelnde Seemannschaft war hier die Ursache für diese Havarien.


Der Einwand vom Vorsitzenden des Vereins der Kapitäne und Schiffsoffiziere, Kapitän Rolf Permin, dass der Ausbildungsstand der Schiffsoffiziere gut sei, trifft leider nicht auf alle seefahrenden Völker zu. Fast immer ist es menschliches Fehlverhalten, dass in der Vergangenheit zu schlimmen Havarien auf See führte.
Carsten S. Wibel befürchtet darüber hinaus, dass es zu riesigen Sperrgebieten kommen wird, die der Berufs- und Freizeitschifffahrt dann nicht mehr zur Verfügung stehen. In einem 13 Punkte umfassenden Forderungskatalog unterstreicht er die Bemühungen, Offshore-Windkraftanlagen sicherer zu machen. Die gegenwärtig herangezogenen Berechnungen zu den Mindestabständen von Schifffahrtsrouten hält Wibel für nicht geeignet, mögliche Kollisionen von Schiff und Offshoreanlage möglichst auszuschließen. Hier sollte sich die Politik nicht Sand in die Augen streuen lassen. "Nur wenn die erforderlichen Bedingungen erfüllt sind, die eine zeitlich abgesicherte Bergung eines Havaristen zulassen, können Offshoreanlagen in der Nähe - Abstand von rund 10 Kilometern - viel befahrener Schifffahrtswege gebaut werden. Eine Havarie eines 100.000 Tonnen-Tankers mit einer Anlage auf See wäre das Tschernobyl auf der Ostsee.
Das aber muss schon im Vorfeld 100prozentig ausgeschlossen werden können. Selbst die 0,5prozentige Möglichkeit ist 0,5 Prozent zu viel", apelliert Carsten S. Wibel an die Verantwortlichen Behörden und an die Politiker in Land und Bund.

Diesem Appell schließt sich Mathias Löttge, Präsident des Bäderverbandes Mecklenburg-Vorpommern und Bürgermeister von Barth, an. Sehr kritisch sieht
der engagierte Tourismuspolitiker die Entwicklung der Offshoretechnik. Rund 1250 Windkraftanlagen sollen in der Ostsee in den nächsten Jahren gebaut werden. Genehmigt und in der Bauvorbereitungsphase sind die 21 vor dem Darß und über 200 allein in der Mecklenburger Bucht. "21 Blaue Europaflaggen wehen an den ausgezeichneten Stränden unseres Landes. Sie künden von hervorragender Wasser- und Strandqualität. Sie sind Aushängeschild für ganz
Mecklenburg-Vorpommern, in dem über 50.000 Menschen mit Tourismus direkt ihren Lebensunterhalt verdienen. Diese "weiße Industrie" ist noch immer in
Entwicklung, mit zweistelligen Zuwachsraten. Ein Unglück auf See kann diese jahrelange positive Entwicklung jäh beenden und nachhaltig ins Gegenteil verkehren. Deshalb muss alles mögliche getan werden, diese Anlagen sicher zu machen. Als glühender Vertreter für die Region Fischland-Darß-Zingst möchte er allerdings gar keine dieser Offshoreanlagen vor seiner Haustür. "Unsere Region wirbt seit über einem Jahrzehnt mit naturbelassener Umwelt. Mit dem sanften Tourismus haben wir eine Erfolgsgeschichte begonnen, die wir uns nicht von Windmühlen kaputtmachen lassen wollen. Wir sehen mit Baltic I eine große Gefahr für unseren Tourismus, schließlich sind die Anlagen, die in einer Entfernung von 14 bis 19 Kilometern vor der Küste stehen, deutlich zu sehen", unterstreicht
Löttge. Über die negativen Auswirkungen auf den Vogelzug von und nach Skandinavien will der Barther Bürgermeister erst gar nicht sprechen. Bedauernswert sieht er eine weitere Entwicklung.

Jeder, der sich kritisch mit dieser Form der Energiegewinnung auseinander setzt, wird in die böse Ecke gestellt. Da kochen dann schnell Emotionen hoch, die eine sachliche Auseinandersetzung sehr schwierig machen. Diese Erfahrungen musste auch der Vorsitzende des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer M-V, Norbert Kahlfuss, machen. Über 30 Aktenordner füllen sein Büro. In allen finden sich Gutachten, Anfragen und sonstige Untersuchungen bzw. Planungen zu Offshoreanlagen.
Wenn er an diese Papiere denkt, fühlt er sich dreifach betroffen. Kommen diese Anlagen, dann sind Fangplätze weg, sind nautische Hindernisse im Wasser, die ein erhöhtes Gefahrenpotential darstellen. Als Küstenbewohner sieht er in den Rotoren darüber hinaus einen Eingriff in die Natur, die nachhaltig das Landschaftsbild verschandelt. Sauer ist er auch auf die Herangehensweise des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie an die Offshore-Problematik.
Wurden vor Jahren noch Weißkartenprojektierungen vorgenommen, die eigentlich gar keine Standorte für Offshoreanlagen in der 12-Seemeilenzone auswiesen, spricht heute keiner mehr davon. Auf die angeforderten Stellungnahmen wurde teilweise gar nicht reagiert. Das Eingraben der 130 Kilometer
langen Stromleitung zwischen Baltic I und Bentwisch in den Meeresboden stelle angeblich keinen gravierenden Eingriff ins Ökosystem Ostsee dar. Daran hat Kahlfuss allerdings berechtigte Zweifel. Zweifel plagen auch Christian Radicke vom Vorstand des Landesseglerverbandes M-V. "Die bislang bekannten Windparkplanungen umfassen mehrere Hundert Quadratkilometer Wasserfläche.

Ob diese für die Freizeitkapitäne dann befahrbar bleiben, ist noch nicht geklärt. Sollten es Sperrgebiete werden, würde das gravierende negative Auswirkungen auf die Sportschifffahrt haben. Es ist zu befürchten, dass die Skipper dann nach Skandinavien ausweichen würden, wo schon heute
bessere Bedingungen als an der deutschen Ostseeküste herrschen. Baltic I liegt direkt in der Verbindung Hiddensee-Mecklenburg, Kriegers Flack behindert die Verbindung Hiddensee-Kopenhagen-Südschweden und Adlergrund kreuzt die Route Saßnitz-Bornholm. Bei maximalen Tagestouren von 70 Seemeilen, wirken sich Umwege von ein, zwei Stunden derart aus, dass Skipper auf diese Tagesreisen verzichten bzw. sich an der Küste Dänemarks und Südschweden "entlanghangeln" würden. Ein Minus im maritimen Tourismus, das nicht hingenommen werden darf", unterstreicht der Segler aus Greifswald. Bedenken hat er auch, wenn es um die Sicherheit der Skipper geht. Kommt es zu einer Havarie im Windpark, sind die Verunglückten schlecht dran. Ein Helikoptereinsatz verbietet sich, der Einsatz von Rettungsschiffen ist erschwert. Er hält es auch für fraglich, ob eine Person, die im kalten Ostseewasser treibt, in der Lage ist, eine Leiter an einer Windmühle emporzuklettern.
Viele Fragen wurden in der anschließenden, teils sehr lebhaften Diskussion gestellt. Viele Fragen, auf die es an diesem Abend keine ausreichenden offiziellen Antworten gab. Auch ein Grund dafür, am Ball zu bleiben. Schließlich geht es um unsere Umwelt, unser Land, unsere Heimat.

Uwe Friesecke
Fotos: ©
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